fernschreiben : Vincent

ökonomische Berichterstattung

Single-Speed-Bike

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Dass die Achtziger Jahre zurück sind, ist keine ganze neue Erkenntnis. Spätestens seit in zweitausendundzehn hunderttausende Atomkraftwerksgegner/Antiatomkraftanhänger auf die Straße gingen wussten wir, dass die Achtziger zurück sind. Da liefen die noch nicht verrenteten Eltern mit ihren (beinahe) erwachsenen Kindern Hand in Hand und man trotzte dem Generationenkonflikt. Sie standen auf “für eine Sache” die in den wenigsten Fällen etwas mit ihrer jeweilig individualiserten Lebenswelt zu tun hatte – sehen wir von den Bauer-sucht-Frau-Generationen-Traditionsvertretern einmal ab. Sie verstanden einander endlich mal wieder, so schien es. Die eine Seite lobte und pries die Take-Away-Fast-Food-Coffee-Shop-Errungenschaften und die andere Seite erkannte die Öko-Bio-Gleichgewicht-Gerechtigkeit-Fair-Trade-Gerechte-Löhne-Werte-Rückbesinnung an, oder zumindest schwieg man in diesen Tagen der Aktion dazu und nahm es einvernehmlich hin. Die, welche ihre pubertäre Phase nur mit Techno, Grunge oder den überbleibseln vergangener Generationen füllen konnten, adaptierten nun erneut Vorstellungen, Stile, Wünsche und Ziele. Die Mode der Achtziger Jahre wurde wieder clubfähig und tanzbar.

Ich erinnere mich an das Rennrad zu meinem Achtzehnten Geburtstag. Mein Vater hatte sich auch gleich eines gekauft, es war etwas besser als das Meine, mit Ledergriffen. Dennoch kam es nie zu den gemeinsamen sonntäglichen Ausfahrten, die er sich so sehr gewünscht hat. Er fuhr dann meist allein, sportlich war er da noch. Mein Rad wurde dann irgendwann geklaut, während ich im Kaufhaus war. Meinen Eltern erzählte ich damals, ich hätte das Rad im Keller eines Freundes geparkt, tatsächlich war es nicht einmal angeschlossen, während ich mir neue Musik-Alben anhörte.

An den Kreuzungen dieser Stadt sehe ich sie nun wieder, die Mode der Achtziger Jahre, Röhrenjeans oder Leggings, ein langes Sweatshirt und einen breiten Gürtel, spitze Lackschuhe oder flache Ballerinas. Rennradrahmen, dünne Reifen, kurzer Lenker, manchmal gerade, manchmal gehörnt oder gebogen, wenige bis keine Bremsen und keine Schaltung. Umgebaute alte Rennräder, Single-Speed gebraucht oder neu gekauft. Sofort denke ich an die Kurierfahrer, die ich damals in den Staaten so bewundert habe, für ihre Leichtigkeit auf der Straße, auch an die Geschwindigkeiten, die die Bahn-Radfahrer beim Sechs-Tagerennen erzielen, schießen mir in den Sinn und dann will ich mit ihnen eine Ausfahrt machen. In ihrem Windschatten mich mitziehen lassen und die Geschwindigkeit erhöhen, ohne zuviel Kraft zu verbrauchen. Die Ampel schaltet auf grün und wir fahren los. Die ersten Meter klebe ich wie gebannt, konzentriert und fast angespannt an ihrem Hinterrad und sie treten, treten, treten. Aber wie!? Als würden sie mit einem Alt-Herren-Rad spazieren fahren und so verschwindet ihr Glanz. Ich überhole und erreiche noch vor der nächsten Ampel Jene die zuvor bei Rot an mir vorbeigekrochen sind. An der übernächsten Ampel stehe ich neben einem Schaufenster, dort ist schon die Mode der Neunziger ausgestellt, Jeans-Latzhosen und ich weiß, die Mountainbikes werden bald kommen.

Geschrieben von fernschreiben

Mai 20, 2011 um 12:45 am

Veröffentlicht in Fahrrad-Fernschreiben

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